Den nachfolgenden Bericht habe ich von der Seite

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unter Mißachtung jeglicher Urheberrechte kopiert. Ich bitte um Vergebung.


Die Wiege des BVB

Am Borsigplatz geboren

Dortmund. Diese Woche war ein Borusse am Borsigplatz. Das kommt nicht oft vor, „der Verein ist hier nicht sichtbar”, bedauert Mike Ndambuki, der im Viertel der Quartiersmanager ist – und es hat auch diesmal kaum einer gemerkt. Denn der Borusse kam allein, er kam im Regen, und seine schwarz-goldenen Zeiten liegen lange zurück.

Beten für den Sieg: Aki Schmidt in der Kirche St. Dreifaltigkeit. Foto: Jakob Studnar (WAZ / Jakob Studnar)
Beten für den Sieg: Aki Schmidt in der Kirche St. Dreifaltigkeit. Foto: Jakob Studnar

 Aber Aki Schmidt (72) weiß noch, wie es ist, wenn man als Sieger auf diesen Platz kommt, mit einem Pokal in der Hand: „Unglaublich, ganz unglaublich. Das Größte, was du je erlebt hast.” 1965 war das bei ihm, dem Mittelstürmer, den alle nur Aki nennen, und 1966 noch einmal, mit dem Europapokal, da haben sie ihm hier „die Klamotten vom Leib gerissen”, lagen in den Fenstern und jubelten auf der Straße, und ihm „lief das Herz über ohne Ende”.

 Als er da steht, an diesem Kreisverkehr in der Dortmunder Nordstadt mit seinen knubbeligen Platanen und der Straßenbahn, die den Platz in seiner Mitte zerschneidet wie eine Mittellinie, da fällt ihm das alles wieder ein. „Der Borsigplatz ist unsere Heimat!” Denn hier ist es passiert, dass 18 junge Männer aus der Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit den Ballspielverein Borussia Dortmund gründeten, am 19. Dezember 1909. Es geschah im „Wildschütz” und gegen den Willen ihres Kaplans; der wollte lieber turnen.

 „Alles, was man mit dem Fuß getreten hat, war nieder”, weiß Aki Schmidt. „Lümmelei”, sagt Annette Kritzler, die sonst Fans und Fremde durch dieses Viertel führt, und nun hinaufzeigt zu den Fenstern im ersten Stock, wo die Jungs einst saßen: „Ob die, die da wohnen, wissen, wo sie da wohnen?” Das Haus stammt aus der Gründerzeit, natürlich, wurde kürzlich zwangsversteigert und danach rosa getüncht vom Neffen Hoppi Kurrats, der auch mal ein Borusse war. Draußen hängen jetzt Kaugummis im Automaten, drinnen Trikots an der Wand, und im Erdgeschoss gibt's „Pommes Rot-Weiß”.

Station der Deutschen Fußball Route NRW. (WAZ / Jakob Studnar)
Station der Deutschen Fußball Route NRW.

 Nicht, übrigens, dass einer denkt, es sei bei der Namenwahl um Preußens Glanz und Gloria gegangen: „Borussia” hieß das Pils. Und später dann der Stolz. Aki Schmidt weiß noch, wie es ihn, den Bub aus Berghofen, schauderte, wenn es im Radio hieß: „Die Männer vom Borsigplatz spielen!” In Blau-Weiß, anfangs noch, mit roten Schärpen, die blühende Westfalenhütte im Rücken und die Werksarbeiter, die ihrem BVB die Treue hielten wie der seinem Stadion „Weiße Wiese” um die Ecke. Der Borsigplatz, ein Fußball-Platz. „Das war Borussia!” War?

 „Früher”, sagt der Quartiersmanager Ndambuki, „war man was wert, wenn man vom Borsigplatz kam. Aber heute nicht mehr.” Die Hütte steht längst leer und ihr Hochofen in China; und auch die Maschinenfabrik Deutschland ist nicht mehr, deren Gründer dem Borsigplatz seinen Namen gab. Sie haben jetzt über ein Drittel Arbeitslose hier und zwei Drittel Ausländer, aus 92 Nationen. Im Sommer sitzen sie zusammen auf der Straße, man sagt über sie: „Klein-Istanbul”. Es gibt Eigentümer, die sich um ihre Häuser nicht mehr kümmern, und wer trotzdem noch einzieht, geht wieder weg, sobald er es bezahlen kann. Das Viertel ist nichtmal mehr Mittelfeld, wie sein Verein. Und der kommt eben nur zum Feiern her.

 Aber heute bohrt Aki Schmidt neben dem rauschenden Verkehr die Fußspitze in seinen Namen. Sie haben eine Gedenkplatte ausgelegt zu seinen Ehren auf der „Route des Sports”; Hoppi Kurrat „liegt” auch hier und Lars Ricken, aber auf der Tafel von Aki klebt Kaugummi, „muss mal einer saubermachen”. Überhaupt hat er sich verändert, sein Borsigplatz. In der früheren „Sportlerklause” des BVB-Stürmers August Lenz haben sie in den 90er Jahren ein „Fanhouse” eingerichtet, bloß sind die Fans nicht gekommen und Spieler auch nicht. Heute heißt die Kneipe „Liberty” und ist ein Tanzcafé, nur das BVB-Logo hängt noch am Haus.

 Das Sportgeschäft von Max Michallek daneben ist pleite, im Haus Herzog sitzt jetzt „Big Boss”, im ehemaligen „Concordia” eine Bank. Es gibt viel Pizza, Döner, viele Spielhallen, Wettbüros und türkische Friseure, aber der Wurstwagen ist weg, der „Wahnsinn” war, sagt Aki Schmidt: „BVB” hat der verkauft, „Bratwurst vom Borsigplatz”. Nur die Straßenbahn fährt noch, der Borussias Mittelfeldspieler Helmut „Jockel” Bracht einst nachgelaufen sein soll – zum Training.

 Und selbst die Dreifaltigkeits-Kirche, Keimzelle der Fußball-Idee, ist von der Schließung bedroht. Nur noch 80 Leute in der Messe, aber der Geist des BVB schwebt noch über ihnen: Als im letzten Jahr der neue Vikar neben die Kirche zog, kränzten die Gläubigen seine Tür mit schwarz-gelben Schals. „Sie wollten ihn zum rechten Glauben führen”, sagt der Gemeindereferent. Ansbert Junk ist Schalker. Aki Schmidt ist entsetzt: „Das dürfen Sie nie tun, den Leuten das sagen!” Jetzt wissen sie es.

Luftige Aussicht auf den Borsigplatz . Foto: Hans Blossey (Hans Blossey)
Luftige Aussicht auf den Borsigplatz . Foto: Hans Blossey

 Nun hat Junk ja tapfer ein Berlin-Plakat in den Schaukasten gehängt und in eine Ecke neben den Altar einen kleinen Engel gestellt, mit einem Fanschal um den Hals. Man kann dort für 25 Cent eine Kerze anzünden, „für Borussia und für alle Menschen”. Und Aki Schmidt, der eben noch sinnierte, „welcher Gott” ihm wohl das Ballgefühl gab, eilt zum Betstuhl, geht in die Knie und schickt ein Stoßgebet an den (Fußball?-)Gott: für einen Sieg im Pokalfinale.

Falls der es erhört, „würden wir am Borsigplatz uns sehr freuen”, sagt Mike Ndambuki. „Dann kommt der verlorene Sohn mal wieder nach Hause.”

„Borsigplatz VerFührungen”

Am Tag nach dem Finale führt Annette Kritzler in ihren „Borsigplatz VerFührungen” wieder durchs Viertel. Unter dem Motto „Weiße Wiese – Spurensuche zu den Wurzeln des BVB 09” geht es am Sonntag, 20. April, durch die Dortmunder Nordstadt. Treffpunkt ist um 11 Uhr an der Dreifaltigkeitskirche, Flurstr. 10, die Teilnahme kostet 9 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich unter Tel. 0231 - 98 18 860 oder 0177 - 91 11 189. Mehr Infos unter www.borsigplatz-verführungen.de .